Aufnahme irakischer Flüchtlinge 2009
Seit März 2009 kommen zweiwöchentlich etwa 100 bis 150 irakische Flüchtlinge aus Syrien und Jordanien in Deutschland an - bis Ende 2009 rund 2.000. 2.500 Flüchtlinge sollen es insgesamt werden. Hintergrund ist ein EU-Beschluss vom November 2008 zur Aufnahme von 10.000 irakischen Flüchtlingen in Europa. Organisiertes Resettlement ist dies noch nicht, aber ein Schritt in die richtige Richtung. Weitere Irak-Flüchtlinge müssen aufgenommen werden.
Für die aufgen
ommenen Flüchtlinge bedeutet ihre Aufnahme in Europa zweifellos
die Rettung aus einer dramatischen Notlage. Aber für die EU mit ihren
fast 500 Millionen Einwohnern sind 10.000 Menschen eine sehr geringe Zahl. Und im Verhältnis
zu den Herausforderungen in der Region erscheint sie als Randnotiz: Nach Schätzungen des UNHCR sind seit Beginn des Irak-Kriegs 2003 mehr
als 4,2 Millionen Iraker aus ihrer Heimat geflohen. Allein in Syrien halten sich nach Regierungsschätzungen rund 1,1 Millionen Flüchtlinge auf (Quelle: UNHCR) - die Irakflüchtlinge sind dort eine der größten urbanen Flüchtlingspopulationen weltweit. 215.000 irakische Flüchtlinge sind beim UNHCR in Syrien registriert. Die
große Mehrheit von ihnen hängt von Lebensmittel- und anderen Hilfen ab.
Unter ihnen befinden sich zehntausende Christen, Mandäer und
Yeziden - religiöse Minderheiten, die derzeit kaum
Hoffnung haben dürften, in absehbarer Zukunft in ihre Heimat
zurückkehren zu können. Hinzu kommen schutzbedürftige Frauen, Opfer von Folter und
schwerer Gewalt und Menschen mit
besonderen gesundheitlichen Problemen. Für alle diese Gruppen ist eine
Neuansiedlung vielfach der einzige Ausweg.
Foto: Ankunft der ersten 122 aufgenommenen Irakflüchtlinge im März 2009.
© Kai Löffelbein
Aktuelle Dokumente
aktueller Stand der Aufnahme der Irakflüchtlinge (Weiterleitung BAMF)
UNHCR-Hinweise zum Ablauf des Aufnahmeverfahrens vom 14.1.2009
Anordnung des Bundesministeriums des lnnern gem. § 23 Abs. 2 AufenthG "zur Aufnahme bestimmter Flüchtlinge aus dem lrak“ vom 5.12.2008
Aufnahmebeschluss des EU-Ministerrats (Presseauszug) vom 28.11.2008
Erlass Brandenburg vom 25.2.2009
Erlass Rheinland Pfalz vom 27.02.2009
Erlass Hessen vom 18.02.2009
Aufnahmekonzept Niedersachsen vom 16.02.2009
Aufnahmeverfahren Baden-Württemberg vom 19.12.2008
Dokumente, Links und Hinweise zur Debatte ab 4/2007
April 2007
Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, UNHCR, appelliert
dringend an Staatengemeinschaft, Geld für die irakischen Flüchtlinge
zur Verfügung zu stellen und besonders schutzbedürftige Flüchtlinge aus
der Region in den Industriestaaten aufzunehmen. Presseerklärung UNHCR
Mai 2007: Veröffentlichung „Die irakische Flüchtlingskatastrophe“, Faltblatt von PRO ASYL
Der Bayerische Flüchtlingsrat veröffentlicht Schicksale von aus
Deutschland abgeschobenen Iraker/innen. Pressemitteilung. Pro Asyl und
der Bayerische Flüchtlingsrat veröffentlichen erstmals einen gemeinsamen Aufruf
für ein Aufenthaltsrecht für alle irakischen Flüchtlinge und ein Ende der Widerrufsverfahren. Homepage BRF
Oktober 2007
Das katholische Missionswerk missio lädt Parlamentarier und
Behördenvertreter zu einer Reise in die Flüchtlingsunterkünfte der
Region ein.
Im Dezember 2007 erscheint dazu in der ZAR der Aufsatz von
Prof. Dr. Harald Dörig, Richter am Bundesverwaltungsgericht: "Die Flucht
religiöser Minderheiten aus dem Irak – Eindrücke von einer
Expertenreise in nahöstliche Zufluchtsländer."
Im Bundestag stößt der Vorschlag, Flüchtlinge aus dem Irak in Europa
neu anzusiedeln, vielfach auf Wohlwollen, die Rede ist aber nur von
christlichen Flüchtlingen. Plenarprotokoll
März 2008
5. Jahrestag des Kriegsbeginns: In der Pressemitteilung vom 19.3.2008
benennt PRO ASYL die Notwendigkeit eines großzügigen Aufnahmeprogramms
in Europa und fordert ein Ende des „unmenschlichen Ping-Pongs“ mit
irakischen Schutzsuchenden.
April 2008
In einem Gastbeitrag in der Bild-Zeitung bezeichnet Bundesinnenminister
Schäuble (CDU) die Lage der irakischen Christen als „besorgniserregend“
und kündigt eine Aufnahmeinitiative insbesondere für christliche
Flüchtlinge an (Meldung des Spiegel vom 13.4.2008).
Die Süddeutsche Zeitung berichtet am 11.4.2008, der Bundesinnenminister
halte eine „vier- bis fünfstellige Zahl“ an Aufzunehmenden für
realistisch. Der Fokus auf christliche Flüchtlings sei in der Koalition
noch umstritten.
Die Bundesintegrationsbeauftragte Maria Böhmer (CDU) unterstützt die
Aufnahmeinitiative. Deutschland solle bei der Aufnahme dieser Menschen
unabhängig von den Entscheidungen anderer europäischer Länder schnell
handeln, mahnte Böhmer in einer Pressemitteilung vom 16.4.2008.
Nahost-Experte Otmar Oehring von der katholischen Organisation missio
fordert im Deutschlandradio zum wiederholten Mal die Aufnahme von 30.000 irakischen
Minderheitenangehörigen („Sorge um Christen im Irak“)
Die Innenminister der Bundesländer befürworten laut Presse mehrheitlich
eine Aufnahme irakischer Schutzbedürftiger in Deutschland, es kommt
aber nicht zu einem formellen Beschluss der Innenministerkonferenz.
Bundesinnenminister Schäuble kündigt eine Initiative auf EU-Ebene an.
Juni 2008
Die Bundesregierung legt bei einem Treffen in Brüssel am 5. Juni ein
Diskussionspapier vor, das einen Vorschlag für die Aufnahme von
Iraker/innen in der EU enthält.
Am 24. Juni, beim Berliner Flüchtlingssymposium bei der Evangelischen Akademie, äußern sich
verschiedene staatliche Vertreter zur Aufnahme von irakischen
Flüchtlingen:
„Wir haben alle Vorbereitungen getroffen, um schnellstmöglich zu
handeln. ... Da muss sich Deutschland in keiner Weise strecken, wir
haben die rechtlichen Voraussetzungen und die moralische Verpflichtung
dafür.“ Dr. Albert Schmid, BAMF-Präsident, Dem BAMF obliegt im Fall
eines Resettlements die Auswahl und Verteilung der Flüchtlinge.
„Ich unterstütze den Gedanken des Resettlement. Dies muss Teil einer
modernen, internationalen Flüchtlingspolitik sein. (...) „Angesichts
unserer Wirtschaftskraft und Aufnahmekapazität ist eis auch eine
moralische und humanitäre Verpflichtung, den Menschen zu helfen. Dabei
ist es für mich nachrangig, welche Religion die Menschen haben. Es geht
darum, Menschen in Not zu helfen.“
Brigitte Zypries (Bundesjustizministerin)
Staatssekretär Peter Altmaier aus dem Bundesinnenministerium macht beim
Symposium Hoffnung darauf „dass wir mit der nationalen Aufnahme
irakischer Flüchtlinge noch in diesem Jahr beginnen werden“ und sieht
dadurch auch die weitere Diskussion um eine allgemeine
Resettlementquote weiter geführt. (Verschriftlicher Vortrag in der ZAR .
8/2008)
Juli 2008
Bundesinnenminister Schäuble legt beim Rat der EU- Innen- und
Justizminister am 24.7.2008 einen Vorschlag für ein EU-Aufnahmeprogramm
für irakische Flüchtlinge vor. Weil aber der irakische Staatspräsident
Al-Maliki, zeitgleich auf Staatsbesuch und Investorensuche in
Deutschland, die Aufnahme irakischer Staatsangehörigkeit ablehnt, wird
der deutsche Vorschlag noch am selben Tag zurückgezogen. Der EU-Rat
beschließt letztlich nur eine Vertagung des Themas auf das nächste
Ratstreffen im September. PRO ASYL erklärt dazu: „Maliki ist ungeeignete Auskunftsperson“. Pressemitteilung vom 24.7.2008
Amnesty International bezeichnet die Entscheidung als „falsch und
gefährlich“. Pressemitteilung
Auch die Kirchen üben deutliche Kritik.
Sept. 2008
Der Rat der EU-Innenminister stellt die Aufnahme von Flüchtlingen aus
den Nachbarstaaten des Irak in Aussicht, beschließt aber konkret nur,
zunächst eine sog. „fact finding mission“ in die Region durchzuführen.
EU-Beschluss
Oktober 2008
Der Menschenrechtsausschuss des Bundestags zeigt sich zutiefst besorgt
über die Lage der irakischen Flüchtlinge in den Nachbarstaaten und
fordert die Bundesregierung auf, sich noch vor einem EU-Beschluss für
eine deutsche Kontingentlösung einzusetzen. Pressemitteilung
Die Bundesregierung stellt in der Antwort vom 30.10.2008 auf eine Anfrage von FDP-Abgeordneten die aktuelle Situation der irakischen Flüchtlinge dar.
November 2008
Die deutsche Innenministerkonferenz am 20./21.11.2008 beschließt offiziell keine
deutsche Aufnahmeregelung, sondern wartet den EU-Beschluss ab. Der Rat der Innen- und Justizminister in der EU beschließt am
28.11.2008 die Aufnahme von 10.000 irakischen Flüchtlingen EU-weit.
Die Bundesregierung stellt eine Aufnahme von 2.500 Flüchtlingen aus
diesem Kontingent in Aussicht. EU-Beschluss
PRO ASYL Presseerklärung vom 26.11.2008 „Kleinmut mit Verspätung“
Dezember 2008
Das BMI erlässt am 5.12.2008 die „Anordnung des Bundesministeriums des
lnnern gemäß § 23 Absatz 2 Aufenthaltsgesetz zur Aufnahme bestimmter
Flüchtlinge aus dem lrak“

